Alex di Capri Interview – Von Hamburg über Wien bis Havanna

Autor(in): | aktualisiert am: 7.12.2016

Alex di Capri Interview 2016

Alex di Capri ist ein Singer und Schauspieler mit neuen musikalischen Plänen. Deshalb hat Salsango mit ihm ein Interview geführt. Alex di Capri hat u.a. im Tanz der Vampire, in Evita, Grease und Mamma Mia gesungen und gespielt – von Wien, über Berlin bis Hamburg – in Musicals, Operetten und bei Konzerten auf fast der ganzen Welt mitgewirkt. Er hat eine umfassende Ausbildung in Schauspiel und Gesang, u.a. in New York, Los Angeles und Havanna absolviert.

Alex di Capri ist also ein weit gereister und welterfahrener Mann. Nun hat er neben seinen Engagements auch ein eigenes Projekt, das ihm am Herzen liegt. Er möchte Latino-Pop mit deutschen Texten verbinden und hat eine Botschaft, die er besonders hier bei uns zu seinem Publikum tragen möchte. Darüber mehr zu erfahren, hat Karsten Heimberger für Salsango sich mit ihm in Berlin getroffen:

Alex di Capri im Gespräch

Ich habe geahnt, dass Alex di Capri etwas zu erzählen weiß und etwas zu sagen hat. Deshalb habe ich mich auf das Interview mit im gefreut. Aus der geplanten einen Stunde wurden zwei. Aus einem Interview wurde ein anregendes Gespräch über ihn als Künstler und sein Selbstverständnis als solcher, über das Leben, über Südamerika und die Menschen dort, über Berlin und Hamburg und über sein neues musikalisches Projekt. Das Gespräch ist nicht kurz, aber es lohnt sich dran zu bleiben oder später noch einmal wieder zu kommen und weiter zu lesen, wenn jetzt gerade nicht genug Zeit ist…

Alex di Capri über Latein- und Südamerika und Zufriedenheit

Salsango: Wenn man ihre Vita liest, stehen dort bekannte Theater, Städte rund um die Welt, viele Engagements in Musicals. Warum jetzt Latino-Musik und hier bei uns, wo doch ihre musikalische Heimat eine ganz andere ist?

Alex di Capri: Ich spüre, dass ich diese Latino-Musik richtig inhaliert habe. Als ich in Südamerika war, habe ich diese verschiedenen Einflüsse selbst erlebt (wir hatten vorher über die Einflüsse anderer Kulturen auf die Lateinamerikanische geplaudert), wie unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen und was dadurch passiert. Deshalb gibt es so viele unterschiedliche Facetten, deshalb ist diese Musik so vielfältig und interessant. Auf Kuba zum Beispiel hat man ganz andere Einflüsse als in Mexiko oder Puerto Rico. Und trotzdem gibt es auch viele Gemeinsamkeiten.

Im Leben dort merkt man das am deutlichsten, wenn man gemeinsam feiert und tanzt. Das fand ich so spannend und interessant, dass ich selbst etwas mit dieser Musik machen wollte.

Salsango: Ich habe gelesen, Sie wollen dieses Lebensgefühl hier her transportieren. Was genau ist das Besondere daran? Ihr erster Titel dieser Art heißt „Kommt zusammen“: 

Alex di Capri: Die Schwelle ist dort einfach niedriger, zusammen zu kommen, sich zu treffen und dann aufzustehen und eben auch zu tanzen oder zu singen – gemeinsam Spaß zu haben. Dort denkt keiner darüber nach: Wie singe ich jetzt oder wie tanze ich oder wie könnte es bei den anderen ankommen? Die Leute lassen ihren Gefühlen freien Lauf und machen einfach, wenn ihnen danach ist.

Es war faszinierend: Du sitzt auf einem Marktplatz in einem Lokal, trinkst vielleicht einen Mojito und auf einmal stehen alle auf und fangen an zu tanzen… Erst denkst du, das ist verabredet. Nein! Das ist dort einfach so, dass man gemeinsam das Leben genießt. Das war das, was ich von dort mitgenommen habe.

Da braucht man, z.B. hier in Deutschland, schon ein bisschen mehr Anlauf, bis die Leute dann mal in der Lage sind, los zu lassen. Ich habe das Gefühl, hier ist man gerne mehr der stille Beobachter…

Salsango: Von hier aus gesehen gibt es dort aber auch eine ganze Menge Leid und Not, viele arme Menschen. Wenn man mit Brasilianern spricht, z.B. über die Fußball-WM vor 2 Jahren oder die Olympischen Spiele jetzt in Rio, berichten die eindrucksvoll davon, wie glanzvoll und sicher auch hilfreich solche Projekt für ihr Land sind, wie ärmlich es aber andererseits oft „hinter den Kulissen“ ist. Oder Kuba und die Kubaner, die berühmt dafür sind, den Mangel, der durch das US-Embargo entstanden ist, phantasievoll zu gestalten. Dass dort alte US-Cars herum fahren, ist ja kein Ausdruck besonderer Liebe zu Oldtimern, sondern Mangel an Neuem.

Alex di Capri: Na, Kuba öffnet sich ja gerade…

Salsango: Die Kultur hat sich auf Kuba geradezu künstlich, wie im Reagenzglas, entwickelt. Das alles scheint dem zu widersprechen, was sie eben gesagt haben.

Alex di Capri: Nein, genau das meine ich: Man braucht nicht viel, um das Leben zu genießen!

Ich glaube, dass wir hier im Westen, oder sagen wir in den Industrieländern, die finanziell ganz gut dastehen, von Klein auf getrimmt werden, immer mehr zu wollen, immer ans Maximum zu gehen… Wir müssen etwas leisten, etwas erreichen, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden. Dort lernt man: Mir geht es gut, wenn ich etwas zu essen und zu trinken habe, gesund bin und weiß, wo ich leben kann… Damit sind die meisten schon zufrieden. Die wollen oft nicht mehr.

Nochmal zurück zu dem Marktplatz von vorhin: Wenn du dich hier irgendwo in ein Cafe setzt, heißt es gleich: Was wollen sie bestellen? Und wenn man dann nach einem Wasser fragt, wird man auch schon mal blöd angeguckt. Und da ist das eben nicht so. Man sitzt zusammen und wenn sich einer nichts leisten kann, weil er kein Geld hat, dann trinkt er eben ein Wasser.

Dieses „Nicht-imaginäre-Grenzen-schaffen“ fand ich sympathisch. Man braucht nicht viel, um das Leben in diesem Augenblick genießen zu können. Natürlich hat jeder und haben die Menschen dort ihre Probleme, das ist klar. Ich will das nicht ausblenden oder vernachlässigen. Aber mir hat dieses Positive sehr gefallen.

Als ich in Havanna war, standen die Leute dort damals noch sehr unter Beobachtung. Gerade dort, wo viele Touristen waren, waren auch sehr viele Polizisten in zivil. Die haben vor allem die Einheimischen überwacht. Und trotzdem gab es dort solche spontanen Partys, die ich bis dato noch nie erlebt hatte. Die waren wie eine Blume, die irgendwo heraus kommt und aufblüht – und danach war sie dann auch wieder weg. Interessant war: Es gab außerhalb der Hotels kaum fixe Plätze, sondern das entstand immer irgendwo. Man konnte nicht sagen: Jeden Abend um 18.00 Uhr trifft man sich hier oder da, sondern es ist mal dort passiert und mal woanders.

Alex di Capri und Deutschland

Salsango: Ich habe den Eindruck, dass es hier inzwischen ähnliche Tendenzen gibt. Wenn man heute in Berlin z.B. nach Mitte geht, da blüht das Leben abends richtig auf. Bei gutem Wetter sind die Cafes und Restaurants bis zum Bersten gefüllt, die Leute sitzen draußen auf den Bürgersteigen, dass du kaum laufen kannst. Das ist noch nicht lange so…

Alex di Capri: Ja, das beobachte ich auch. Das hat sich gewandelt. Ich glaube, der Zünder dafür, diese bis dahin typisch deutsche Mentalität aufzubrechen, war 2006. Das hatte sich zwar schon vorher entwickelt, aber mit oder nach der WM hat das richtig Schwung bekommen. Da bekam man auch im Ausland ein ganz anderes Bild von Deutschland und sah nicht mehr nur die vermeintlich so typisch deutschen Tugenden. Darüber habe ich mich sehr gefreut!

Umso mehr finde ich es schade, wenn es jetzt wieder Tendenzen gibt, dass man sich überlegt, ob oder wo man hin geht, dass manche ängstlich sind und sich fragen: Gehe ich jetzt zu dieser Veranstaltung? Leider… Dagegen möchte ich auch singen. Ich möchte dazu beitragen, dass die Leute näher zusammenrücken. Ich möchte gern, dass wir uns so wehren und sagen, wir lassen uns unsere Lebensfreude nicht verderben.

Salsango: Dazu passt meine nächste Frage vielleicht ganz gut. Wenn ich richtig informiert bin, waren Sie außer in Afrika schon überall auf der Welt beruflich engagiert, also auf jedem Kontinent. Sie waren in Australien, in Asien, Amerika und halb Europa. Sie haben auch lange in Österreich gelebt – und trotzdem leben Sie jetzt in Deutschland. Warum?

Alex di Capri: Warum trotzdem? Ich bin ja hier geboren und aufgewachsen. Ich empfinde das hier als Auftank-Quelle. Wenn man so viel unterwegs ist, wie ich, ist es immer wieder schön, auch hier Zeit zu verbringen. Ich verstehe mich aber mehr als Europäer. Wenn ich spiele im deutschsprachigen Raum, war das für mich noch nie eine Relation. Ob in Wien, Graz oder Zürich – habe ich niemals gefühlt: Jetzt bin ich in Österreich oder in der Schweiz. Ich wurde europäisch aufgezogen und bin nun berufsbedingt viel unterwegs. Ich fühle mich oft dort wohl, wo ich gerade bin; bin dort zufrieden. Und trotzdem freue ich mich, wieder nach Hamburg zu kommen und tanke dort auf.

Salsango: Damit haben sie es bei einem Berliner natürlich nicht leicht…

Alex di Capri: Fragen Sie einen Hamburger… Hamburg ist eine sehr schöne und pulsierende Stadt!

Ich kenne aber auch Berlin ganz gut, weil ich hier ja auch schon gelebt und gespielt habe. Ich war z.B. in den 1990er Jahren hier, als die Stadt wie aufgerissen wurde, als 2 verschiedene Energien aufeinander trafen. Man hat gespürt, dass sich die Stadt erst einmal selbst sucht. Damals war alles im Umbruch irgendwie. Ehrlich gesagt, wusste ich damals nicht, wie ich mit Berlin umgehen sollte. Es war wie ein Pendel, oder wie ein Strudel.

Inzwischen hat sich Berlin sehr interessant, zu einer imposanten Stadt entwickelt. Ich habe vor gut einem Jahr am Theater des Westens gespielt. Ich arbeite immer gern hier in Berlin und bin gern eine Zeit lang da. Auf die Dauer wäre mir die Stadt aber zu weitläufig. Das ist eigenartig. Ich habe ja in New York studiert und die Stadt ist noch um einiges größer, als Berlin. Aber New York kommt mir irgendwie strukturierter vor…

Salsango: Berlin ist zergliedert in Bezirke und Kieze…

Alex di Capri: Ja, vielleicht ist das typisch Berlin. Die Leute leben und bleiben in ihrem Kiez. Das ist in Hamburg zum Beispiel anders. Da ist es völlig normal, dass Du hier lebst, aber dorthin gehst. Außer, du bist St. Paulianer und findest Deinen Kiez den schönsten der Welt und gehst nirgendwo anders hin. (Lacht)

Alex di Capri und das Projekt Latino-Pop – oder Schlager?

Alex di Capri Interview 1

Salsango: Kommen wir zu ihrem neuen Projekt, dem Schlager: Ist das ein Auszug, ein Umzug, eine Reise?

Alex di Capri: Eine Reise. Die hat bei mir 2001 schon begonnen, als ich in Südamerika war. Ich komme ja ursprünglich aus der Klassik, habe Schauspiel und Gesang studiert, habe anschließend sehr viel im europäischen Raum Musicals gemacht. Und seit Südamerika habe ich den Traum, dieses Lebensgefühl, von dem wir vorhin schon sprachen, in Musik zu verpacken.

Ich habe auch beobachtet, dass es Lieder von dort immer wieder schaffen, hier Hits zu werden. Ich habe den Eindruck, diese Art von Rhythmik interessiert die Deutschen schon. Sonst würden manche Lieder ja nicht hierher schwappen und erfolgreich sein. Also auch, wenn die Menschen hier nicht mit diesen Rhythmen aufgewachsen sind, haben sie einen Zugang dazu. Und das gefällt mir.

Ich wollte die Brücke schlagen, um so eine Art Latino-Sound hier her zu transportieren – nicht pur, schon mit deutschen Einflüssen. Aber so eine Idee muss reifen, man braucht die richtigen Partner und die Gelegenheit. Man kann zwar heute jederzeit in ein Studio gehen und Songs aufnehmen. Aber was passiert dann? Das muss ja auch publiziert werden. Leute müssen darauf aufmerksam werden. Sie müssen überhaupt erst einmal die Gelegenheit haben, zu sagen: Ah, das klingt ja interessant.

Dann muss man bedenken, dass wir auch kulturell inzwischen in einer Art Fast-Food-Gesellschaft leben. Man konsumiert. Es wird sehr schell sortiert und eben auch aussortiert. Deshalb muss man so ein Projekt ganz durchdacht auf den Markt bringen. Es ist wichtig, dass die Leute Berührungspunkte haben, sich langsam herantasten können – um dann auch mehr zu wollen, wenn es ihnen gefällt.

Und das ist der Weg, den ich gerade gehe. Ich wollte nicht einfach irgend etwas auf dem Markt werfen und es dann dem Zufall überlassen, was daraus wird.

Auch die Positionierung des Künstlers Alex di Capri ist so eine Sache… Früher gab es Plattenlabel, die haben einem Künstler einen Vertrag über vielleicht 5 Jahre gegeben und den Künstler dann langsam aufgebaut. Das ist heute nicht mehr so. Die geben dir eine Chance und wenn das nicht funktioniert, sagen sie Goodbye. Dann bist Du als Künstler verbrannt. Und genau das wollte ich eben nicht. Ich weiß durch meine Erfahrungen als Künstler, dass man sowas gut unter die Leute bringen muss und auch niemanden überfordern darf.

Nun habe ich eine erste Single veröffentlicht, um Interesse zu wecken. Inzwischen bin ich schon wieder im Tonstudio und wir arbeiten an der nächsten. Und vielleicht habe ich mit dem ersten Titel Interesse geweckt, so dass die Leute beim zweiten sagen: Davon will ich mehr.

Es ist also kein Ausflug, sondern schon eine Reise. Ein Weg, auf den ich mich begeben habe…

Alex di Capri: Ich gehe nie den leichten Weg!

Salsango: Es wäre ja durchaus eine Möglichkeit gewesen, als bekannter Musicaldarsteller zu sagen, ich nehme diesen Schlager-Boom zum Anlass, und veröffentliche auch etwas in diesem Bereich. Das ist aber offensichtlich anders. Es steckt eine andere Intention dahinter. Das ist dann aber auch der schwierigere Weg?

Alex di Capri: Ich gehe nie den leichten Weg! Ich will das an einem Beispiel erläutern. Ich arbeite auch als Dozent. Manchmal frage ich die Schüler: Was wollt Ihr eigentlich hier? Weil ich oft dieses Brennen für die Kunst vermisse! Woher kommt das? Das kommt durch die ganzen Casting-Formate. Den Leuten wird damit suggeriert, jeder kann ein Star werden. Kann man aber eben nicht, weil Du das lieben musst, was Du tust. Und wenn ich meine Schüler frage, was sie wollen, kann nicht die Antwort sein: Egal, Hauptsache berühmt. So denken aber einige! Hauptache roter Teppich…

Salango: Ist das so? Ich denke, dass die Leute inzwischen schon wissen, dass es da nicht zuerst darum geht, Künstlerpersönlichkeiten hervor zu bringen, sondern darum, Fernsehunterhaltung zu produzieren.

Alex di Capri: Da ist eine Chance, Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist aber nicht klug durchdacht! Wenn die Fernsehzeit vorbei ist, kümmert sich doch keiner mehr um die Leute. Die Besten dort haben ein paar Wochen Kameras, Presse, gute Hotels – die ganze Maschinerie, die da auf dich einprasselt. Nach 6 Wochen ist dann alles vorbei!

Das ist irgendwie fast eine Art Vergewaltigung der Psyche dieser jungen Menschen. Eben noch Verkäuferin im Supermarkt… Natürlich haben die Hoffnungen, wenn sie dahin kommen. Aber die meisten hoffen, dass sie berühmt werden. Denen geht es nicht um die Sache. Sicher sind nicht alle so, das will ich nicht behaupten. Aber der, der seine Arbeit macht, weil er sie wirklich liebt, der geht auch den schweren Weg – der letztlich auch nachhaltiger ist.

Salsango: Ich bedauere oft, dass nicht mehr genug Musik in der Garage gemacht wird. Das meine ich als Synonym für so eine Entwicklung, in der Interessierte zuerst ein Instrument lernen, dann für sich Musik machen, vielleicht als Schülerband proben und auftreten und so weiter. Obwohl es solche Beispiele immer noch gibt… Und ich bedaure, dass zu wenige eine richtige Ausbildung machen, manche nicht begreifen, dass das auch ein Beruf ist, für den man sein Handwerkszeug lernen muss, wie bei jedem anderen. Und dass es andererseits wie im Leistungssport nicht ohne Schweiß und Tränen geht, dass man sich schinden muss und vieles mit unfassbaren Anstrengungen verbunden ist.

Alex di Capri: Genau! Du musst lernen, mit Deinem Körper umzugehen und bei jeden Widrigkeiten. Wenn ich als Künstler um 20.00 Uhr auf die Bühne gehe, interessiert es den Zuschauer nicht, ob ich heute Kopfschmerzen habe oder ich einen schlechten Tag hatte. Um 20.00 Uhr muss ich die Leistungen bringen, die das Publikum von mir erwartet. Meist haben sie dafür sehr viel Geld bezahlt und haben deshalb auch das Recht auf eine einwandfreie Leistung. Die musst du abliefern!

Das kann man aber nur, wenn man gelernt hat, mit seinem Körper so umzugehen, dass man mit der richtigen Technik die Show, die die Leute erwarten, gespielt hat.

Salsango: Man merkt auch bei Ihrem Titel „Kommt zusammen“, dass den ein ungeübter Sänger nicht „übersteht“… Auch ein ungeübter Tänzer übrigens nicht… Da steckt viel „Luft“ drin – also nicht Luft als Nichts, sondern ich meine, als Technik, Volumen, Ausdauer…

Alex di Capri: Ein Lehrer in New York hat mal zu mir gesagt: Wenn du auf der Bühne stehst und es sieht easy aus, dann hast du es geschafft. Wenn ich mich zu sehr auf die Technik konzentrieren muss, wird das nichts. „Oben“ muss es leicht aussehen, da darf man nicht spüren, was „unten“ an der Basis für Arbeit dahinter steckt.

Das habe ich mir damals schon auf die Fahne geschrieben, als ich zu studieren begann: Ich will wissen, was ich tue! Ich möchte es so können, dass ich jederzeit bereit bin, meine Leistung zu bringen. Ich habe diese Arbeit nie gemacht, weil ich berühmt oder reich werden will. Ich will die Leute für die Zeit, die sie mir anvertrauen, auf meinen Weg mitnehmen…

„Es gibt viele Sänger, aber nur wenige Singer“

Salsango: Interessant ist, dass man Ihnen beim Singen nicht unbedingt anhört, woher sie kommen. Denn oft, wenn Sänger aus der Klassik oder aus dem Musical dann Schlager oder Pop singen, hört man das schon bei den ersten Takten… Das ist bei Ihnen nicht so. Das spricht für die Technik, für das Erlernte. Es könnte auch an dieser Mischung liegen. 

Alex di Capri: Das ist die Kunst. Wir arbeiten ja mit der Sprache. Wenn man um die Welt reist, hört man oft schon am Sitz der Stimme, wo man ist. So ist das auch beim Erzeugen von Klängen. Allein hier in Deutschland: Den Bayern erkennst du sofort… (spricht sonor wie ein Bayer…) Der Berliner ist eher weiter oben (spricht wie ein Berliner…) Der Gesang ist nichts anders als Sprechen, aber eine Stufe höher, wenn man so will. Wir lernen, wenn ein Opernsänger singt, hört der sich so an (singt…), der Musical-Sänger ist etwas leichter (singt…) und der Popsänger noch eine Stufe mehr (singt…).

Und wenn du dich als Künstler da mal in einer Schiene festgefahren hast, kommst du da auch nicht mehr heraus… Man kann dann nicht mehr anders singen. Genau das wollte ich nie. Ich kann heute ein Musical singen oder eine Arie oder auch einen Popsong. Das hat mich immer gereizt.

Salsango: Ich wusste gar nicht, dass man das als Sänger so bewusst steuern kann…

Alex di Capri: Natürlich, wenn du die Technik beherrschst und nicht sie dich.

Salsango: Ich werde nicht müde, Tänzern zu empfehlen, Ballettunterricht zu nehmen, auch wenn sie hauptsächlich etwas ganz anderes tanzen. Einfach, damit sie lernen, mit ihrem Körper umzugehen, ihn zu beherrschen, die Körperspannung, die Grundlagen zu legen für das, was sie dann auszeichnet…

Alex di Capri: Aber auch die müssen aufpassen, dass sie sich nicht festfahren. Als ich in Wien gearbeitet habe, habe ich natürlich fantastische Balletttänzer dort kennengelernt. Aber wenn du abends mit denen in einen Club gehst, gibt es einige, die können ihre Hüften nicht bewegen. Es fehlt eben schon die Lockerheit… Das ist auch interessant, oder? Eigentlich wahnsinnig gute Tänzer, aber auf einer Tanzfläche sieht es dann irgendwie komisch aus. Das Gefühl für andere Rhythmen geht verloren, weil sie schon zu sehr geprägt sind.

Salsango: Das lässt sich sicher auf viele Bereiche übertragen: Ein guter Turner kann ein guter Bodenturner und ein guter Reckturner sein. Aber ein guter Reckturner muss kein guter Bodenturner sein…

Alex di Capri: Genau. Als ich studiert habe, gab es ja auch die Ballettklassen. Da gab es einige Studenten, die waren technisch so gut, aber hatten kaum Ausstrahlung. Und für mich war es immer ein Ansporn, beides zu haben, die Technik auf der einen Seite als Grundvoraussetzung, überhaupt gut sein zu können und andererseits die Ausstrahlung – und dabei flexibel zu bleiben, sich nicht in eine Sackgasse zu begeben. Ganz klar!

Da muss ich nochmal einen Gesangs-Lehrer in New York zitieren, der mir gesagt hat: Du wirst in Deinem Leben sehr viele Sänger sehen, aber wenige Singer. Das habe ich lange nicht verstanden und er wollte es mir nicht erklären, sagte nur: Du wirst schon sehen… Inzwischen weiß ich, was er meinte. Es gibt so viele Menschen, die auf der Bühne stehen und ihre Arbeit gut machen, aber nur einige, die uns faszinieren…

Alex di Capri Interview 2

Salsango: Das ist aber auch eine Schwierigkeit, auf ihrem Weg, den Sie jetzt gehen. Nehmen wir ihren Titel „Kommt zusammen“. Ganz interessant finde ich die Verortung im Schlager. Den gleichen Rhythmus macht auch Enrique Iglesias und feiert damit weltweit Hits, oder Jennifer Lopez, Ricky Martin…

Blendet man bei Ihnen den Gesang aus, merkt sicher niemand, dass es sich dabei um einen deutschen Titel handelt. Es ist eine moderne Samba, wie es immer wieder welche gibt derzeit. Blendet man den Gesang wieder ein, ist es ein Schlager…

Alex di Capri. Das ist auch typisch deutsch! Als ich aus New York zurück kam und mich für verschiedene Rollen vorgestellt habe, wurde mir erst einmal bewusst, wie stark hier das Rollendenken verhaftet ist. Ich hatte z.B. bald Musical-Engagements und wenn ich mich dann für Schauspiel-Rollen bewarb, wurde mir manchmal gesagt: Naja, Sie sind ja kein richtiger Schauspieler…, sie haben ja bisher nur Musicals gemacht. Manchmal konnte ich dann mit Verweis auf meine beiden Studienhauptfächer Gesang und Schaupsiel doch zum Casting gehen. Hast Du die Chance, vorzusprechen, sieht es oft ganz anders aus und die Leute sind überrascht…

Schubladendenken! Nun gibt es in Bezug auf meine Musik 2 Möglichkeiten. Der eine sagt, es ist Schlager. Für einen anderen ist es Latino-Pop. Das kann man nicht ändern, damit muss man umgehen… Dabei ist Schlager im Wortsinn ja eigentlich ein Hit. Und in England ist ein Hit einfach nur ein gutes, erfolgreiches Lied, gleich aus welchem Genre…

Wenn man genau hinschaut, ist doch aber alles gemixt… Andreas Gabalier z.B. mixt auch Volkmusik und Rockmusik. Und ich mische Latino-Pop mit deutschen Texten, oder mit Schlager. Als Künstler muss Du Dich ständig hinterfragen und auch neu orientieren können. So, wie viele Menschen heute nicht mehr den einen „geraden“ Karriereweg in einer Firma gehen, sondern Jobs wechseln, sogar neue Berufe erlernen oder ausüben, so muss man auch als Künstler flexibel bleiben.

Ich habe ja ein Album geplant, da will ich noch mehr in Richtung Latino gehen, mit Gitarre, Schlagzeug, Trompete, alles live… In diese Richtung soll es gehen!

Salsango: Das ist interessant. Roberto Blanco hat vor 2,3,4 Jahren -ich weiß nicht mehr genau, eine -Achtung Schublade!- Salsa-CD gemacht. Richtig gut und mit allem, was dazu gehört: Viel Mambo, großes Orchester, großartige Bläsersätze. Aber es war schwierig, denn Roberto Blanco ist Schlager und Schlager kann nicht Salsa sein und Salsa ist rhythmisch irgendwie nicht richtig Schlager.

Auf dem Album ist ein Titel in Spanisch gesungen und einmal in Deutsch. Spielst du den vor deutschem Publikum auf Spanisch, tanzen sie wie selbstverständlich Salsa. Spielst du den gleichen Titel auf deutsch, setzen die gleichen Leute sich hin, denn sie erkennen natürlich sofort die Stimme von Roberto Blanco…

Alex di Capri: Und verbinden damit „Ein bisschen Spaß muss sein“?

Salsango: Genau! Oder Carlos Santana, der hier von jedem Rock-Fan gefeiert wird. Zugleich reiben die sich aber verwundert die Augen, wenn du danach als Paar tanzt. Der macht nämlich oft blütenreinen Cha Cha Cha…

Was ich sagen will: Das ist kein leichter Weg, auf den Sie sich da begeben haben. Den finde ich aber spannend und dafür wünsche ich Ihnen auch ganz viel Glück!

Alex di Capri: Das ist lieb. Dankeschön!

–Ende des Interviews–

Mehr solcher Interviews finden Sie in unseren Salango-Specials. Mehr Musik-Nachrichten finden Sie immer in unserem Popmusik-Magazin oder spezieller im Schlager-Magazin oder in den anderen musikalischen Kategorien oder Sie schauen allgemein unter Unterhaltung.

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