Anne & Anichi, Deutschlands erfolgreichstes Salsa-Tanzpaar, im Interview über Persönliches und neue Pläne

Autor(in): | aktualisiert am: 13.07.2010
Anne und Anichi beim Workshop in Berlin

Anne und Anichi beim Workshop in Berlin

Anne und Anichi, das erfolgreiche und außergewöhnliche Spitzen-Tanzpaar aus Freiburg stand uns nach einem Jahr und dem zwischenzeitlich errungenen Vize-Salsa-Weltmeistertitel in der Kategorie “Salsa on 2” am Rande einiger Salsa-Workshops in Berlin erneut zum Interview zur Verfügung. Dabei gewährten die beiden Tänzer und mittlerweile auch Tanzlehrer einen interessanten Einblick in ihre Welt, ihre Gedanken und Pläne:

Salsango: Wir konnten unseren Lesern vor Kurzem darüber berichten, dass ihr mit Unterstützung einer weiteren Tänzerin – Yunaisi Farray Castillo – die Tanzschule „AYA- Latin Dance Academy“ in Freiburg eröffnet habt. Anfang Juni war Eure große Eröffnungsparty. Das interessiert uns natürlich! Wie kam es dazu?

Anne: Als Yunaisi und Anichi sich kennenlernten und die Beiden ein Paar wurden, war Yunaisi immer häufiger in Freiburg. Yunaisi kommt ursprünglich aus Havanna, war dann neun Jahre in Italien und hatte dort ihre eigene Tanzschule. Diese hat sie dann aufgegeben müssen, um nach Freiburg ziehen zu können. Und so kam es zu dieser Konstellation.

Die Party war übrigens fulminant. Wir hatten ein volles Haus mit knapp fünfhundertfünfzig Leuten.

Salsango: Was wollt Ihr mit Eurer Tanzschule erreichen und wen?

Anichi: Wir wollen die Salsa-Szene verbessern und das weitergeben, was wir in den letzten Jahren gelernt haben. Einfach das alltägliche Leben der Leute bereichern mit der schönen Schule und professionellen Lehrern in einer tollen Atmosphäre.

Salsango: Was meist Du damit: die Salsa-Szene verbessern?

Anichi: Das Tanzniveau erhöhen! Also z.B.,  dass die Leute mehr darüber wissen, was sie da eigentlich tanzen oder woher das kommt. Wir wollen auch mehr Facetten in das Tanzen einbringen, die Basis erweitern. Salsa ist ja nicht einfach nur Salsa, sondern da sind z.B. auch die Afro-Hintergründe der Tänze, aus denen sich Salsa entwickelt hat. Die Leute sollen ein besseres, fundierteres Bild vom Salsatanzen bekommen.

Salsango: Ist dies bereits als Vorbereitung für Eure Zeit nach dem aktiven Wettkampftanzsport anzusehen?

Anichi: Ja, absolut! Wir haben neben dem Tanzen zwar noch andere Berufe: Ich studiere immer noch Romanistik an der Universität Freiburg und Anne hat ihr Kulturmanagementstudium. Doch wir sind Beide so begeistert, von dem was wir jetzt machen: da sehe ich mich noch nicht als Spanisch- oder Italienisch-Lehrer. Deswegen ist die Antwort ganz klar: Ja!

Anne: Wir wollten auch schon lange etwas Eigenes machen, ein bisschen weniger Reisen und ein wenig mehr in Freiburg sein. Durch eine eigene Tanzschule ist dies natürlich möglich.

Salsango: Gibt es in Freiburg nicht genug Tanzschulen?

Anne: Also, es gibt sehr viele Tanzschulen in Freiburg. Einige sind wirklich gut und trotzdem denke ich, es hat noch etwas gefehlt. Wir wollen, dass die Schüler, die zu uns kommen, sich mit AYA identifizieren. Ein Ort, wo sie ausgelassen sein können, Partys stattfinden oder wir Workshops geben. Wir wollen als Ansprechpartner da sein und werden unsere ganze Energie reinstecken. In den ersten 3 Wochen, in denen die Schule jetzt offen ist, merken wir auch schon, dass wir ganz viel zurückbekommen von der Energie, die wir geben.

Salsango: Was machen Eure zahlreichen anderen Projekte, wie etwa die Ladystyle-Choreo “Fresa y Chocolate” oder die Menstyle-Choreo “Perez Brothers”? Sind die mit Eurem Engagement in der Tanzschule in den Hintergrund getreten?

Anichi: Diese zwei Projekte haben wir derzeit aufgegeben, weil wir soviel unterwegs sind. Mein Bruder ist jetzt auch in die Schule integriert. Er unterrichtet mit und ist DJ.

Salsango: Wir haben für manche Interviews ein paar kurze Fragen vorbereitet, damit unsere Leser Euch etwas persönlicher kennen lernen können. Kommen wir also zu unserem

Steckbrief: Anne & Anichi

Anne und Anichi in Berlin

Anne und Anichi in Berlin

1. Was ist für Euch die größte Erfindung der Menschheit und warum?

Anichi: Elektrizität, Elektronik, Computerchips und alles was zu unserem modernen Leben geführt hat. Ohne diese Dinge könnten wir nicht fliegen, nicht übers Internet kommunizieren uvm.. Besonders die Mathematik, die dahinter steckt und deren Beherrschung, halte ich für eine der größten Leistungen.

Anne: Man merkt, dass sein Vater Ingenieur ist!

2. Was würdet Ihr selbst gern erfinden oder entwickeln, wenn Ihr die Gabe und die Möglichkeiten dazu hättet und warum?

Anne: Ich würde gern etwas erfinden, dass den Leuten bewusster macht, was man im Leben hat und was wichtig ist. Das klingt zwar jetzt sehr theoretisch, doch das fällt mir jetzt spontan dazu ein.

Anichi: Ich würde gern ein Gerät erfinden, mit dem man in kürzester Zeit von Ort zu Ort reisen kann. Als Beispiel: Wenn wir morgen in Indien einen Auftritt haben, dann wäre es schön, wenn wir innerhalb von Sekunden dort wären und nicht stundenlang im Flugzeug sitzen müssten. Einfach Ziel eingeben – Knopf drücken – da sein!

3. Was ist typisch deutsch für Euch?

Anne/Anichi: Organisation und Verlässlichkeit. Wir arbeiten sehr gern mit deutschen Veranstaltern zusammen, weil diese sehr gut organisiert und verlässlich sind.

4. Was tut Ihr, wenn Ihr entspannen möchtet?

Anichi: Ich spiele sehr gern klassische Gitarre.

Anne: Ich gehe entweder Joggen oder lese viel.

5. Dazu passt die nächste Frage ja perfekt! Welches ist Dein liebstes Buch, Anne, und warum?

Anne: Da ich viel lese, habe ich ganz viele Autoren, die ich sehr gern mag. Ganz besonders mag ich z.B. „Im Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón aber auch Martin Suter oder Gioconda Belli „Die bewohnte Frau“ und viele andere mehr.

6. Was ist Euer liebster Ort und warum?

Anichi: Wenn ich auch mehr als einen nenne darf, sind meine absoluten Top 4: Freiburg, Havanna, meine Elternhaus und Quito (Hauptstadt von Ecuador – A.d.R.)

Nachfrage: Was verbindest Du mit diesen Orten?

Anichi: Das Haus meiner Eltern – ganz klar, da bin ich geboren, da wohnen meine Eltern. Freiburg, weil wir Gast-Freiburger sind und Freiburg lieben. Havanna, weil meine Frau Kubanerin ist und wegen der Menschen die dort leben. Quito, weil ich dort aufgewachsen bin.

Anne: Für mich sind das vor allem Freiburg, Havanna und New York. Besonders Havanna liebe ich, weil ich dort die Liebe zum Salsa entdeckt habe und mich so davon anstecken ließ, dass ich nie wieder davon los kam. Außerdem ist meine Mutter absoluter Havanna-Fan und hat mich zusätzlich noch für diese Stadt begeistert. In New York habe ich mal 3 Monate gelebt und hatte dort eine besonders schöne Zeit. Mit Freiburg verbinde vor allem das Gefühl des Heimkommens.

7. Was würdet Ihr gern unbedingt einmal machen – genügend Geld, Zeit und Gelegenheit vorausgesetzt?

Anichi: Ich möchte gern das weitermachen, was ich jetzt auch mache. Ich lebe gerade genau das, was ich auch gern mache. Natürlich möchte ich auch gern noch Kinder haben. Doch im Moment ist alles perfekt.

Anne: Dem kann und will ich mich voll und ganz anschließen.

8. Was war Euer bisher wichtigstes oder beeindruckendes Erlebnis und warum?

Anichi: Meine Frau kennen zu lernen, zählt ganz klar zu den wichtigsten Erlebnissen in meinem Leben. Ich bin seitdem so glücklich verliebt, dass dies mein Leben sehr positiv verändert hat.

Anne: Für mich ist es das Tanzen. Vor allem hatte ich das große Glück, dass meine Mutter so Salsa begeistert ist, dass sie mich mitgeschleppt hat, obwohl ich gar nicht unbedingt wollte. Jetzt kann ich mein Leben so nach meiner absoluten Leidenschaft gestalten.

9. Was wärd Ihr gerne geworden – außer Tänzer & Tanzlehrer natürlich?

Anichi: Ich wollte schon immer gern klassische Gitarre spielen und das auch studieren. Leider habe ich die Aufnahmeprüfung nicht geschafft. Ich mache zwar im Moment nur für mich selbst Musik oder auch im kleinen Rahmen, doch so in die Richtung Profimusiker, das ist nach wie vor ein Traum von mir.

Anne: Ich lebe gerade meinen Traum, jetzt sogar mit eigener Tanzschule und natürlich die Shows mit Anichi. Das ist das, was ich immer wollte! Darüber hinaus liebe ich es, zu singen und nehme  auch seit einiger Zeit Gesangsunterricht. Ich würde sehr gern auch noch ein wenig mehr dafür tun, doch fehlt mir oft die Zeit. Auch ist es nicht so gut für die Sing-Stimme, wenn ich im Tanzunterricht laut Bewegungen usw. erklären muss. Trotzdem macht mir das Singen unglaublich viel Spass und ich werde auch in diese Richtung weiter machen.

10. Worin seht Ihr für Euch die größte Herausforderung der kommenden Jahre?

Anichi: Die größte Herausforderung der kommenden Jahre ist für mich, aus den unzähligen Möglichkeiten, die man hat, das Beste zu machen. Ich glaube, in jedem von uns und im Miteinander steckt viel Potential für viel Gutes, doch leider auch für Schlechtes. Und darum ist es für mich wichtig, die richtigen Entscheidungen zu treffen, derzeit besonders im Zusammenhang mit unserer neuen Tanzschule. Das Gleiche gilt natürlich auch für unsere Projekte mit anderen Tänzern. Es hängt viel davon ab, wie man miteinander umgeht und arbeitet. Das Maximum aus jeder Zusammenarbeit heraus zu holen, dafür bis an die Grenzen zu gehen, darin sehe ich die größte Herausforderung der nächsten Jahre.

Anne: Mit einer der größten Herausforderungen haben wir ja schon begonnen: die Eröffnung der Tanzschule. Viele denken zwar, es sei ganz einfach. Doch es ist ganz schön harte Arbeit. Besonders in dieser Dreier-Konstellation. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir mit einer so positiven Energie weitermachen und das Projekt wächst, die Leute zufrieden sind. Und für mich ganz persönlich denke ich: so, wie bei jeder Frau, kommt die Erfüllung mit den eigenen Kindern und ich wäre überglücklich, wenn dann einmal eigene kleine Knirpse in der Tanzschule herumspringen.

Anne und Anichi Workshop in Berlin

Anne und Anichi Workshop in Berlin

Salsango: Abschließend noch eine Frage an Euch als ausgesprochene Salsa-Experten: Was wird sich in der nächsten Zeit als Trend im Zusammenhang mit der Salsa-Musik, dem Tanz und der Salsa-Szene entwickeln und warum?

Anichi: Das ist eine gute Frage und ich bin froh, dass uns danach fragst.

Sowohl in der Musik als auch im Tanz sehe ich eine noch intensivere Durchmischung. Dadurch wird Salsa noch interessanter. Außerdem werden die Musiker besser, müssen künftig eine viel bessere Technik an ihrem Instrument mitbringen und auch wieder zu den Wurzeln zurück gehen. Der Trend geht dahin, dass viel mehr Afro- und Jazzelemente eingebracht werden und die Musiker auch in der Breite professioneller werden.

Das Gleiche gilt auch für den Tanz. Was vor zehn oder zwölf Jahren auf der Bühne gezeigt wurde, kann heute schon nicht mehr auf der Bühne bestehen. Es werden immer mehr richtige Tänzer verlangt, die auch nicht mehr auf einen Stil beschränkt sind. Man muss seinen Blick auf 360° erweitern und schauen, was es alles gibt und woher der Tanz eigentlich kommt. Die Tänzer müssen heute nicht nur die Technik des Tanzens lernen, sondern auch ein bisschen Ballett oder ein bisschen Modeln und vieles andere mehr. Salsa ist eigentlich ein sehr beschränkter Tanz und wenn man den nicht bereichert, wird sich Salsa nicht weiterentwickeln und letztlich verarmen. Die Musiker haben schon, ähnlich wie bei einer Soße in einem großem Topf (Salsa), alles gemischt. Das werden auch die Tänzer tun müssen.

Anne: Ja, genau, das denke ich auch. Man muss stets offen sein für neue Einflüsse, statt strikt und eingleisig zu verharren in einem Stil. Man muss als Tänzer in Zukunft eine gute tänzerische Basis von verschiedenen Tanzstilen beherrschen, wenn man mithalten will.

Salsango: Das scheint mir etwas zu sehr nur auf die Showtänzer und Profimusiker abzuzielen. Meint Ihr, dass auch die breite Masse der Hobbytänzer da mitziehen kann?

Anichi: Diese Entwicklung hat sich ja schon unter den Profitänzern herumgesprochen und diese werden nun immer mehr bestrebt sein, das auch an ihre Schüler weiter zu geben. Leider gibt es aber noch viele Lehrer, die nur sehr wenig können und deswegen nur das Wenige unterrichten, was Sie können. Schlimm wird das dann, wenn sie ihre Schüler glauben lassen, das wäre das einzig Richtige. So fällt es diesen Tänzern dann schwer, ihren Blick auch für andere Stilrichtungen zu öffnen. Das Geheimnis liegt aber nicht nur darin, offen für Neues zu sein, sondern man darf dabei auch nicht arrogant sein, sich über Andere stellen. Denn, es ist doch letztlich gar nicht so wichtig, wie gut jemand tanzt; mit Arroganz allerdings, schlägst du alles tot.

Anne: Ich denke auch, dass es im Salsa wieder weg geht vom reinen Abtanzen erlernter Figuren, hin zu mehr Körperbewegungen, der Essenz, dem Grove und vor allem der Wiederentdeckung des Spasses am Tanzen. Die Freizeittänzer werden wieder mehr zum Wesen des Tanzens, dem Miteinander, der gemeinsamen Bewegung zur Musik und dem gemeinsamen Erlebnis zurückkehren. Die Showtänzer hingegen werden Ihre Technik weiter perfektionieren und noch professioneller arbeiten müssen. Das Publikum erwartet mit Recht eine professionelle Show.

Salsango: Eine Frage noch:  In unserem letzten Interview hattet Ihr eine eigene Kleiderkollektion angekündigt?

Anne: Ja genau, dieses Projekt wollten wir schon im letzten Jahr angehen. Doch dann war unsere Schneiderin durch ihre Meisterschule stark beansprucht. Aber jetzt, mit unserer neuen Tanzschule, werden wir auf jeden Fall eine kleine Kollektion machen. Gerade im Bereich Schuhe ist etwas in Planung. Aber lasst Euch einfach überraschen. Leider können auch wir die Dinge nur Stück für Stück erarbeiten.

Anichi: Ich hätte auch noch eine Sache: Eines unserer neuen Projekte ist ein Internetportal, bei dem die Leute die Möglichkeit haben, mit einer monatlichen Flatrate nicht nur Salsa-Tanzfiguren, sondern auch Afro-, Jazz-, Reggaetonelemente, Cubanstyle, New York- und L.A.-Style – eben alles, was die Tanzschule so anbietet-, herunterzuladen. Das wird so in zwei, drei Monaten online gehen.

Salsango: Aber ist es nicht besser und effektiver, wenn die Schüler direkt zu Euch in die Tanzschule kommen?

Anichi: Ja, natürlich! Doch dieses ergänzende Angebot soll besonders für die Leute sein, die nicht zu uns in die Tanzschule kommen können. Wer z.B. in Hamburg wohnt, der kann schlecht jede Woche ein-, zweimal zu uns zum Unterricht kommen.

Anne: Genau, das Angebot soll nur für Leute sein, die mindestens 200 km von Freiburg entfernt wohnen. Denn natürlich ist es für alle schöner, wenn man direkt miteinander arbeitet.

Salsango: Wir sind auf jeden Fall gespannt, was sich da ergeben wird und werden unseren Lesern natürlich darüber berichten.

Herzlichen Dank, dass ihr Euch wieder einmal Zeit für uns und unsere Leser genommen habt. Euch noch einen schönen Abend auf der Salsa-Party hier und eine entspannte Heimreise.

Anne & Anichi: Vielen Dank, vor allem für Deine Geduld. Kommt doch einfach mal nach Freiburg in unsere neue Tanzschule.

Salsango: Ja gern, das hatten wir uns eigentlich auch schon fest vorgenommen.

weiterführende Artikel und Links

 

Das Interview wurde am 03. Juli 2010 kurz nach dem Showauftritt von Anne & Anichi auf der After-Workshop-Party von Sven Goldmann für Salsango geführt. Der Text ist eine redaktionell bearbeitete Essenz. Das Interview dauerte etwa 25 Minuten und liegt der Redaktion in voller Länge als Tondokument vor. Alle Rechte am Interview und am verwendeten Bildmaterial liegen ausschließlich bei Salsango und dürfen, auch in Auszügen, nur nach vorheriger Absprache und nach Genehmigung durch die Salsango-Redaktion von Dritten verwendet werden.

Ausgewählte Themen im Salsango-Magazin: