Interview mit Sergey und Viktoria Tatarenko zu Ihrem Wechsel zu den Tanz-Profis des DTV

von: | aktualisiert am: 27.09.2012
Sergey und Viktoria Tatarenko bei "Kontraste" von Janet Marmulla in Berlin

Sergey und Viktoria Tatarenko bei „Kontraste“ von Janet Marmulla in Berlin

Berlin. Sergey und Viktoria Tatarenko sind jetzt Profis und tanzen künftig für die Professional Division des DTV. Das hatten wir heute morgen schon gemeldet.

Vor ein paar Tagen haben wir mit dem neuen Profi-Tanzpaar aus Berlin über diesen Schritt gesprochen. Hier unser Interview, das wir wie immer mehr in Form eines Gespräches geführt haben:

Salsango: Warum geht Ihr zu den Tanz-Profis und warum jetzt?

Viktoria Tatarenko: Ich fühlte schon seit einigen Monaten, dass ich etwas Neues brauche und so nicht weiter tanzen kann. Es war einfach genug jetzt.

Dann haben wir überlegt, wie wir damit umgehen. Und weil sich der Verband neu gegründet hat und sich gerade konstituiert, dachten wir, das sei jetzt der richtige Zeitpunkt.

Wir tanzen seit 10 Jahren gemeinsam. Man baut sich eine Karriere auf  und macht sich einen Namen unter den Tänzern. Ich finde, man muss auch schauen, dass man rechtzeitig den Absprung findet. Das gelingt vielen nicht. Wir wollten nicht den gleichen Fehler machen.

Sergey Tatarenko: Auch gibt es eine bestimmte Politik und deshalb ist es schwieriger geworden. Anderen Tanzpaare geht es da wie uns. Es gibt z.B. bestimmte Tanz-Geschmäcker unter den Wertungsrichtern. Die einen wollen dies sehen, andere etwas anderes. Nimmst du bei jemanden Unterricht, bekommst du von dort schon mal ein Kreuz auf dem Wertungszettel. Bist du bei einem weiteren, hast du noch ein Kreuz. Und so setzt sich das fort.

Viktoria Tatarenko: Das Amateurtanzen geht auch immer mehr dahin, dass der tänzerische Anteil weniger wird und der sportliche Aspekt an Bedeutung gewinnt. Dazu wird „großes“, dynamisches oder auffälliges Tanzen belohnt. Wir tanzen bei den Amateuren oft in riesigen Sporthallen mit ganz vielen Paaren in einem „Heat“. Da musst Du wirklich auffallen.

Wir sind ein kleines Tanzpaar; und wurden auch schon oft kritisiert, dass man uns nicht sieht oder ausreichend genug wahrnimmt. Manchmal entdecken uns die Wertungsrichter gar nicht richtig. Bei großen Amateur-Turnieren ist ein riesiges Gewusel und Stress. Da kann ich die Wertungsrichter ja sogar verstehen.

Salsango: Was meint Ihr, was bei den Profis anders ist? Was versprecht Ihr Euch vor dem Hintergrund, den Ihr gerade genannt habt, von dem Schritt, zu den Profis zu wechseln?

Viktoria Tatarenko: Wir hoffen, wir müssen nicht mehr um jeden Preis auffallen, sondern können uns mit unserer Art zu tanzen etablieren, damit gefallen. Wir verstecken uns ja nicht auf der Tanzfläche. Zudem ist der Verband frisch, da gibt es noch nicht so fest eingefahrene Strukturen. Außerdem sind in diesem Jahr zwei Weltmeisterschaften in Deutschland.

Sergey Tatarenko: Das hat letztlich den Ausschlag für den Zeitpunkt jetzt gegeben. Da war nicht mehr viel Zeit, will man nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen.

Viktoria Tatarenko und Sergey Tatarenko bei Tango de Roxane

Viktoria Tatarenko und Sergey Tatarenko bei Tango de Roxane

Salsango: Bleibt Ihr bei Janet Marmulla, Eurer Trainerin bisher?

Sergey Tatarenko: Ja! Janet ist eine sehr gute Trainerin für uns und wir vertrauen ihr! Sie weiß genau, was wir brauchen, was zu uns passt. Sie kennt unseren Tanzstil und weiß, wie wir als Menschen ticken. Wir kennen uns seit vielen Jahren und das ist ein großer Vorteil, damit wir uns im Tanzen weiter entwickeln können.

Überhaupt kann sich Janet sich sehr gut auf das jeweilige Level eines Tanzpaares und die konkrete Situation einstellen. Auch bei anderen Paaren ist uns das schon aufgefallen. Sie weiß, wie sie die Leute anpacken muss, sie motivieren kann.

Salsango: Wollt Ihr künftig mehr in Richtung Kür oder Show machen?

Viktoria Tatarenko: Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir das Eine oder das Andere bevorzugen. Das ist eine zusätzliche und für uns neue Erfahrung. Im letzten Jahr haben wir damit angefangen, als wir zur WM in China gefragt wurden, ob wir eine Show bzw. Kür tanzen. Das hat uns gefallen und so wollen wir das auch gern fortsetzen.

Sergey Tatarenko: Das Kürtanzen kommt uns ein bisschen entgegen. Da tanzt Du allein auf der Fläche und musst Dir keine Gedanken machen, ob nicht andere Paare viel auffälliger tanzen, also du. Wir können dann einfach tanzen, so gut wir es können und wie wir es selbst für richtig halten – und so hoffentlich das Publikum begeistern.

Viktoria Tatarenko: Die Leute (z.B. Wertungsrichter, Anm. d. Red.) wollen ja immer irgend etwas zu Dir sagen, Dir Ratschläge geben, was du besser machen kannst und so weiter. Das ist sicher gut gemeint, aber es tut den Paaren nicht immer gut. Am Ende bist du vor lauter guten Ratschlägen völlig verwirrt oder vielleicht sogar verunsichert.

Uns hat das nicht so gut getan, weil die Leute von uns z.B. immer mehr Volumen und Größe haben wollten. Wir haben schon angefangen, uns beim Tanzen auseinander zu reißen. Das war aber für unser Tanzen schlecht, weil das dann nicht mehr wir sind.

Wir können nicht größer als die anderen tanzen. Wir sind nun einmal ein körperlich kleines Paar. Wir haben andere Qualitäten, die wir zuletzt ein bisschen vernachlässigt haben, nur um den Wertungsrichtern zu gefallen.

Das wollen wir nicht mehr! Wir wollen unser Ding durchziehen und damit erfolgreich sein.

Sergey Tatarenko: Wir möchten gern wieder so tanzen, wie wir das wollen – und nicht für die Wertungsrichter, nur damit wir einen Platz im Finale ergattern.

Viktoria Tatarenko: Das wird klappen. Ich bin da optimistisch!

Salsango: Ihr seid da nicht allein. Das hören wir oft von Tanzpaaren und anderen Beteiligten. Ich denke, das Tanzen wird sich mehr in Richtung dieser Form der Darbietung entwickeln, wie die Kür es zulässt – also mehr Persönlichkeit, mehr künstlerische Ideen und Darbietungen, bei allen Standards, die gesetzt sein müssen und die Leistung auch zu einem Teil erst vergleichbar machen. Solche Tendenzen sind nicht nur beim Tanzen zu beobachten, sondern auch bei den in etwa vergleichbaren Sportarten eben bei Olympia.

Die Tatarenkos in Aktion

Die Tatarenkos in Aktion

Sergey Tatarenko: Wir hoffen auch, dass die Turniere in der PD mehr in einem Rahmen stattfinden, wie das früher war – also im Rahmen von Bällen zum Beispiel, mit „echtem“ Publikum in Smoking und Abendkleidern und einer Kapelle statt Musik vom der CD. Das hat uns Herr Llambi, Direktor der PD, zumindest versprochen. Wir hoffen, er hält sein Versprechen.

Für mich als Tänzer ist es viel schöner, auf Live-Musik zu tanzen, als nach Musik von CD. Da gibt es immer andere Interpretationen, die man aufnehmen und vertanzen kann. Ich bin ein musikalischer Tänzer und bin dann dankbar für die Ideen, die man hört, entdecken und interpretieren kann. Du kennst natürlich die Titel, die Melodie. Aber du weißt nie, wie das Orchester den Titel dann spielt. Das macht Spaß!

Und vor Publikum zu tanzen macht natürlich auch mehr Spaß,  als vor leeren Tribünen in einer großen Sporthalle.

Salsango: Jetzt ward Ihr gerade in Asien und habt dort ein wieder ein Turnier gewonnen. Was ist dort anders? Ist dort etwas anders beim Tanzen?

Viktoria Tatarenko: In Japan und China waren wir.

Sergey Tatarenko: Die Turniere verlaufen grundsätzlich, wie hier auch.

Bei den Tanzpaaren dort fehlt mir manchmal ein bisschen die Seele. Es macht den Eindruck, dass viel von den internationalen Spitzenpaaren nachgemacht wird. Das sieht dann alles irgendwie gleich aus. Aber, die werden aber immer besser und holen auf.

Viktoria Tatarenko: Das Angenehme in Asien ist das Publikum. Die sind total begeistert und euphorisch, feuern einen an, wollen Fotos oder Interviews. Man wird dort sehr warm und herzlich empfangen und dann hat man als Paar ein gutes Gefühl: Das Gefühl, dass man gemocht wird. Es ist schön, wenn die eigene Leistung gewürdigt wird!

Wenn die einen mögen, rasten die völlig aus. Das ist ganz anders als hier in Europa, wo die Leute zurückhaltender sind.

Sergey Tatarenko: Die freuen sich wirklich über gutes Tanzen, über Qualität.

Salsango: Ihr werdet bei den Profi-Turnieren hier (mit Publikum, Anm. d. Red.) aber auch merken, wie sehr die Leute sich über gute Leistungen freuen. Vielleicht äußert das der Europäer nicht so frenetisch. Aber das Publikum ist hier genauso mit Leib und Seele dabei. So zumindest unsere Erfahrungen bei Profi-Turnieren.

Salsango: Gibt es ein „Goodbye“ für den Amateur-Tanzsport? Etwas, was ihr zum Schluss den Amateuren oder den Funktionären mit auf den Weg geben wollt?

Viktoria Tatarenko: Ich würde mir wünschen, dass das Tanzen wieder mehr in den Vordergrund rückt. Klar muss man austrainiert sein, sportlich topfit. Aber Tanzen sollte auch wieder aussehen wie Tanzen. Ich würde mir wünschen, dass die Jugend sich solche Vorbilder sucht und denen nacheifert.

Sergey Tatarenko: Es nützt nichts, sich Figuren, Schritte oder Effekte bei den Top-Paaren abzuschauen. Wenn die Bewegung nicht aus einem selbst kommt, man sie nicht spürt. Dann klappt das auch nicht und sieht nicht gut aus. Vielleicht kannst du mal einen Wertungsrichter damit beeindrucken. Aber langfristig musst Du tanzen, was Du in Dir fühlst. Nur dann wird es wirklich gut.

Roxan-Finale mit Sergey und Viktoria Tatarenko

Roxan-Finale mit Sergey und Viktoria Tatarenko

Viktoria Tatarenko: Das geht auch in Richtung Wertungsrichter oder Verband und die Ausbildung der Wertungsrichter. Nicht nur die Geschwindigkeit zählt, sondern auch die Entwicklung einer Figur oder einer Schrittfolge beim Tanzen.

Sergey Tatarenko: Ich würde mir wünschen, dass das Tanzen im Amateurbereich sich wieder stärker an alten Vorbildern orientiert, als noch Typen auf der Fläche standen. Jeder Tänzer sollte dabei seine eigene Persönlichkeit entwickeln, seinen Charakter und seine Stärken finden und nicht versuchen, so zu werden, wie jemand anderes.

Viktoria Tatarenko: Ich finde auch, man sollte Trainer nicht als Wertungsrichter zulassen. Trainer sind Trainer und Wertungsrichter sind Wertungsrichter. Punkt. Dann gibt es auch nicht die oben angesprochenen „Vergünstigungen“ bei der Bewertung in einem Turnier.

Wenn ein Wertungsrichter gern Trainer sein will, soll er das tun – oder anders herum. Aber beides zugleich ist mindestens dann nicht gut, wenn der Wertungsrichter die Paare auch trainiert – und sei es nur zu einem Lehrgang oder gelegentlich. Deshalb wäre eine strikte Trennung das Beste.

Salsango: Dann bedanke ich mich für Zeit, die Ihr Euch noch genommen habt und drücke Euch für Stuttgart fest die Daumen! Wir werden Euch weiter begleiten, nicht nur bei den Turnieren, die Ihr oben schon angesprochen habt…

Anmerkung der Redaktion:

Die Tatarenkos waren mitten in der Vorbereitung auf ihr erstes Profi-Turnier bei den GOC Stuttgart 2012, wo sie in ihrem erste Profi-Turnier auf Anhieb den 2. Platz belegen konnten.

Das Interview hat Karsten Heimberger für Salsango geführt. Es liegt als vollständiger Ton-Mitschnitt vor. Die Fotos stammen ebenso von Karsten Heimberger, aus dem Programm „Kontraste“, das Janet Marmulla vor ein paar Wochen gemeinsam mit einigen der von ihr trainierten Tanzpaare gezeigt hat. Siehe auch den Artikel dazu (Link vorn).

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