Eiskunstlauf: Interview Minerva Fabienne Hase – Nolan Seegert

Autor(in): | aktualisiert am: 16.12.2016

Minerva Fabienne Hase – Nolan Seegert Interview 2016 – Foto: Privat

Das Eiskunstlauf-Paar Minerva Fabienne Hase – Nolan Seegert gehört zu den besten Eiskunstläufern in Deutschland. Hier ein Interview, das unser Autor Karsten Heimberger im Berliner Sportforum nach dem Training des Eiskunstlauf-Paares führte. Minerva Fabienne Hase – Nolan Seegert stecken da mit ihrer Trainerin Romy Österreich unmittelbar in der Vorbereitung zur Deutschen Meisterschaft Eiskunstlauf 2017. Es ist wenige Tage davor die „heiße Phase“, in der man aber nur noch den Feinschliff setzen kann. Die Grundlagen sind längst gelegt und die ersten wichtigen Wettbewerbe der Eiskunstlauf-Saison 2016-2017 schon gelaufen.

Das Eiskunstlauf-Paar Minerva Fabienne Hase – Nolan Seegert

Von wegen, Frauen verstehen nichts von Technik… Gerade als ich es mir „gemütlich“ machen will, fragt Minerva Fabienne Hase, ob man denn das kleine Aufnahmegerät, das ich mühevoll auf die vor uns liegenden Schlittschuhe drapiert hatte, nicht auch an machen müsse, damit es aufzeichnet, was wir reden… Ein bisschen Spott kann sie sich im Lachen dabei auch nicht verkneifen, als ich erleichtert konstatiere, dass das ein wichtiger Hinweis sei, das Gerät anstelle und wieder auf den Schlittschuhen herum zirkele, damit es zum Liegen kommt. Ein Glück, dass sie mitdenkt und noch einmal ein Dankeschön! Das wäre sonst ein kurzer Artikel geworden…

Salsango: Ihr startet noch nicht so lange als Eiskunstlauf-Paar gemeinsam. Wann und wie entscheidet man sich im Eiskunstlauf für den Paarlauf?

Nolan Seegert: Sicher werden die meisten von den Trainern angesprochen, ob man es nicht einmal im Paarlauf probieren möchte – wenn es z.B. von der Größe und der Statur her eine gewisse Eignung für den Paarlauf gibt. Man fängt mit dem Eiskunstlauf ja schon sehr früh an, mit 5-6 Jahren in der Regel. Da beginnt man natürlich als Einzelläufer und das bleibt erst einmal eine ganze Weile so. Irgendwann stellt sich auch die Frage nach der Perspektive. Im Einzel geht das rasant schnell. Man muss schon mit 16-17-18 Jahren inzwischen Vierfachsprünge beherrschen, wenn man international mithalten will. Und wenn es dahin gehend nicht wenigstens eine Tendenz gibt, weiß man, dass man im Einzellauf vielleicht nicht die große Zukunft hat. Im Paarlauf hat man da noch etwas Zeit, sich weiter zu entwickeln.

Salsango: Irgendwann muss man sich vielleicht auch entscheiden? Du, Minerva, bist in einer Saison zusätzlich noch Einzel gelaufen, wenn ich mich richtig erinnere?

Minerva Fabienne Hase: Ja, in der ersten Saison, die ich mit Nolan zusammen gelaufen bin, war ich auch als Einzelläuferin noch am Start. Als Nolan und seine damalige Partnerin entschieden hatten, nicht mehr zusammen zu laufen, wurde ich gefragt, ob ich Interesse hätte, das einmal auszuprobieren. Hatte ich, aber man ist sich natürlich noch nicht gleich sicher, ob das überhaupt klappt oder ob man Spaß daran hat. Auch hatte sich damals alles recht kurzfristig ergeben. Deshalb wollte ich das Einzel nicht gleich aufgeben.

Als sich aber abzeichnete, dass es mit Nolan gut funktioniert, war das mit dem Einzel auch vorbei. Man muss sich dann konzentrieren und wie Nolan schon sagte, die Perspektive im Paarlauf habe ich auch gesehen, nach oben zu kommen, gut zu werden.

Salsango: Nun seid Ihr ja altersmäßig ganz schön weit auseinander…

Nolan Seegert: Es geht eigentlich für Paarläufer… Es gibt Paare, bei denen der Altersunterschied größer ist, als bei uns. Als männlicher Paarläufer ist man es gewohnt, mit jüngeren Partnerinnen zu laufen. 2, 3, 4 Jahre Unterschied gibt es eigentlich immer.

Salsango: Das kann gut sein, trotzdem finde ich von außen betrachtet, ist das gerade in Eurem Alter doch ne ganze Menge: Du, Minerva, bist jetzt 17 Jahre alt, und Nolan ist 24. Ihr lauft jetzt die 3. Saison gemeinsam. Aber meine Frage: Spielte oder spielt das eine Rolle bei Euch?

Minerva Fabienne Hase: Also am Anfang schon. Ich war da 14 Jahre alt und sicher noch sehr kindlich. Das war für Nolan bestimmt schwieriger, als für mich. Er musste ja noch einmal mit einem quasi Kind neu anfangen. Aber ich habe mich sicher inzwischen auch weiter entwickelt, oder? (lacht). Mittlerweile verstehen wir uns auch richtig gut und deshalb spielt das Alter für uns auf dem Eis keine Rolle… Solange man gut miteinander klar kommt und sich versteht, sich auf einer -sagen wir- „Arbeitsebene“ begegnet, ist es eigentlich egal, wie weit man auseinander ist.

Nolan Seegert: Als ich aufgehört hatte mit meiner damaligen Partnerin, war ich 22 Jahre alt. In dem Jahr hatte ich tatsächlich überlegt, ob ich überhaupt weiter mache oder nicht. Eiskunstlaufen ist sehr aufwändig. Das muss man immer bedenken. Da überlegt man als junger Mann schon, ob man in so einer Situation vielleicht aufhört, raus geht, studiert, sich ein Leben aufbaut – das ist im Leistungsport nicht so leicht. Deshalb war mein erster Gedanke damals auch: Oh Gott, jetzt muss ich nochmal von vorn anfangen… Dann noch mit einer sehr, sehr jungen Partnerin -insofern hast du schon recht-, und auch einer Partnerin, die bis dahin noch keine Erfahrungen im Paarlauf hatte. Da fängt man von Null an, auch wenn man selbst vielleicht schon einige Erfahrungen hat.

Man bringt seine Leistung nur gemeinsam auf’s Eis

Salsango: Auf eine solche Partnerschaft muss man sich dann also schon bewusst einlassen, von beiden Seiten…

Nolan Seegert: Das war natürlich schwer am Anfang. Im ersten Jahr war unsere Devise deshalb auch nur, die Bundeskadernorm zu schaffen. Mehr wollten wir gar nicht. Das haben wir aber nicht gleich geschafft. Dann hatten wir das Glück, dass wir zur Europameisterschaft fahren konnten, dort den 11. Platz belegten und dadurch doch noch in den Bundeskader kamen. Das ist das deutsche National-Team, wenn man so will.

Salsango: Das war in der Saison 2014-2015. Da habe ich Euch bei der Berliner Meisterschaft das erste Mal zusammen laufen sehen…

Nolan Seegert: Ja, das war einer unserer ersten Wettbewerbe.

Salsango: Wenn Ihr zu Wettbewerben fahrt, seid Ihr lange Zeit gemeinsam unterwegs. Ihr trainiert auch so viel, dass Ihr ja quasi ständig aufeinander hängt, wenn ich das so formulieren darf… Da muss man sich schon verstehen, sich respektieren, auch akzeptieren, dass man sich mal auf den Keks geht oder der andere mal eigene Wege gehen will…

Minerva Fabienne Hase: Es ist wichtig, dass man das nicht ins Training oder in den Wettbewerb mitnimmt. Also, auch wenn Dir der Partner vielleicht außerhalb gerade auf den Keks geht, muss man dann auf dem Eis in den Elementen bei sich bleiben und sich trotzdem zu 100 Prozent Mühe geben. Sonst wird’s im Paarlauf sogar gefährlich. Solchen Stress darf man nicht mit auf’s Eis nehmen.

Nolan Seegert: So ein gemeinsames sportliche Ziel verbindet auch. Wenn es funktioniert, dass man da an einem Strang zieht, kann man manches verkraften, was vielleicht auch trennt, z.B., dass man durch seine Erfahrungen anders heran geht an die Dinge, oder dass man sonst unterschiedliche Ansichten hat.

Salsango: Am Ende des Trainings verbeugt Ihr Euch voreinander und vor Eurer Trainerin… Ist das nur eine übliche Geste oder ist das auch ein Stück weit so, dass Ihr Euch damit gegenseitig den Respekt erweist?

Nolan Seegert: Das machen viele Paare. Nach dem Wettkampf ist es ja üblich, dass man sich vor dem Wettkampfgericht und vor dem Publikum verbeugt, manche Paare auch voreinander. Ich finde, es gehört einfach dazu und ist schon so eine Geste des Respekts. Gerade wenn es beim Training vielleicht einmal nicht so gut lief, was natürlich vorkommt, ist das wie ein Abschluss. Beim nächsten Mal geht es dann unbelastet weiter… Im Paarlauf muss man nun einmal fast alles zusammen machen, die Leistung gehört zusammen, auch wenn wir einzelne Elemente haben. Man bringt seine Leistung aber nur zusammen auf’s Eis.

Salsango: Und wie ist das, wenn Ihr lauft und einer macht einen Fehler, das passiert ja nun mal… Habt Ihr da einen -sagen wir- professionellen Abstand oder ist man da auch schon mal sauer auf den anderen? Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so ganz einfach ist. Auf dem Eis läuft ja nicht immer alles rund…

Nolan Seegert: Den professionellen Abstand braucht man, sonst geht es nicht.

Minerva Fabienne Hase: Das gelingt aber nicht immer, manchmal muss man sich schon zusammenreißen. Es gibt auch Tage, an denen ich ausrasten könnte. Man muss sich dann sagen: O.K., das kann passieren, ich bin auch nicht perfekt und mache Fehler. Mit der Zeit gelingt es mir immer besser, darüber hinweg zu gehen…

Nolan Seegert: Das kommt mit den Jahren. Nach meiner Erfahrung ist es dann besser, sich auf seine eigene Leistung zu konzentrieren, sich zu sagen, Du hast Deine Leistung gebracht – oder wenn es nicht klappt, zuerst an sich selbst zu arbeiten. Das hilft dabei, sich nicht gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Minerva Fabienne Hase und Nolan Seegert außerhalb der Eishalle

Salsango: Du studierst, Nolan?

Nolan Seegert: Ja, ich studiere Sportwissenschaft und Biologie mit Lehramtsoption, das ist ein Bachelor-Studiengang. Aber leider bin ich da noch nicht so weit gekommen…

Salsango: Naja, Du hast ja auch noch eine andere Profession, Euer Eiskunstlauf ist kein Freizeitsport…

Nolan Seegert: Nicht nur das! Ich bin seit diesem Jahr in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, bekleide dort eine Spitzensportstelle. Das ist eigentlich mein Job und steht im Vordergrund. Da muss man auch eine Grundausbildung machen, Fortbildungslehrgänge und so weiter…

Salsango: Und da hast du einen richtigen Dienstgrad?

Nolan Seegert: Ja, ich bin Obergefreiter.

Salsango: Und Du, Minerva, machst gerade Abitur, ist das richtig?

Minerva Fabienne Hase: Ja, ich habe gerade mit dem Abitur angefangen. Ich hab also noch gut 2 1/2 Jahre Schule hier am SLZB vor mir.

SalsangoWo? Was ist das?

Minerva Fabien Hase: Das Schul- und Leistungsportzentrum Berlin. Das ist für mich das Beste, weil man hier sehr auf den Sport ausgerichtet ist. Die Schule richtet meinen Unterricht so ein, dass ich entsprechend Eiszeiten habe, also 2 Mal am Tag trainieren kann. Dafür bekomme ich dann z.B. auch Einzelunterricht. Oder die Freistellung bei Wettkämpfen. Zur Zeit sind wir alle 2 Wochen bei Wettbewerben. Die gehen manchmal schon mittwochs oder donnerstags los. Da wäre es an einer normalen Schule sicher ein großes Problem, eine entsprechende Freistellung bekommen und den Unterricht dann irgendwie nachzuholen.

Zu Musik und Choreografie

Salsango: Ihr lauft im Kurzprogramm nach einer recht klassischen Musik, die aber einen sehr modernen Hintergrund hat?

Nolan Seegert: Ja, nach „High Strung“ (Anm. der Red.: Ein Film mit dem deutschen Titel „Streetdance: New York“). Das ist die Musik aus einem Tanzfilm, der in diesem Jahr erst heraus gekommen ist (A.d.R. am 18.11.2016 hier bei uns als Video). Die hat uns der kanadische Choreograf Mark Pillay vorgeschlagen, der hier in Berlin zu Gast war und mit dem wir gearbeitet haben.

Wir waren von der Musik deshalb begeistert, weil sie neu ist. Das ist im Eiskunstlauf ja immer so eine Sache, etwas zu finden, wonach noch nicht so viele andere schon gelaufen sind – auch, um nicht so leicht verglichen werden zu können.

Salsango: Und die Kür-Musik?

Nolan Seegert: „Eleanore Rigby“ von den Beatles, das ist ja ein bisschen bekannter (A.d.R. in der Version von Joshua Bell ft. Frankie Moreno). Die Idee kommt auch von Mark Pillay, aber die Choreografie hat Paul Boll hier aus Berlin gemacht.

Salsango: Paul Boll ist ursprünglich Eistänzer: Ist Euch die künstlerische Komponente wichtig, die er vermutlich mit einbringt?

Nolan Seegert: Es ist durchaus üblich im Paarlauf, dass Eistänzer die Choreografie machen. Die haben da einfach mehr Erfahrung, stecken mehr drin. Aber letztlich ist es egal, wenn die Choreografie gut ist…

Minerva Fabien Hase: Ich finde, Eistänzer haben nochmal einen anderen Blick, z.B wie sich die Partner zueinander bewegen, wie man als Paar gemeinsam läuft.

Das ist ja inzwischen unser 3. Programm, das Paul für uns gemacht hat. Bisher waren wir immer zufrieden. Für uns ist es auch ein Vorteil, dass Paul in Berlin ist, dass er immer wieder mal auf das Programm schauen kann. Manchmal hat man so Stellen im Programm, die irgendwie nicht rund oder schwierig zu laufen sind. Dann kann man das gemeinsam besprechen und leichter korrigieren.

Mark Pillay ist nur einmal im Jahr hier. Trotzdem wollten wir mal was Neues ausprobieren und sind auch sehr zufrieden mit diesem Programm.

Ein Kompliment

Nolan Seegert – Minerva Fabienne Hase – Interview 2016 – Foto: Privat

Salsango: Mir war schon von Anfang an aufgefallen, dass Ihr sehr gefühlvoll lauft – auch sehr harmonisch als Paar auf der Eisfläche wirkt. So nehme ich das wahr und mir gefällt das gut!

Nolan Seegert: Danke, das hört man natürlich gern. Man hat immer den Anspruch, so ausdrucksstark wie möglich zu sein. Daran arbeitet man eigentlich ständig.

Salsango: Ich meine nicht so sehr die große, ausladende Geste – die sicher gerade auf so einer Eisfläche wichtig ist, die ja auch Abstand zum Betrachter schafft. „Tänzerischer“ nenne ich es beim Tanzen, auch wenn sich das vielleicht komisch anhört. Andere sind da mehr sportlich unterwegs, oder athletisch. Ich will das gar nicht gegeneinander abwägen, ist bestimmt auch eine Frage des persönlichen Geschmacks…

Minerva Fabienne Hase: Das ist uns schon sehr wichtig! Das ist aber auch ein Prozess, etwas, das sich mit der Zeit entwickelt. Kein Paar ist von Anfang an gut gelaufen…

Salsango: Das ist schon klar!

Zum sportlichen Teil will ich Euch so kurz vor der Meisterschaft bewusst nicht befragen. Lassen wir es für heute dabei, auch wenn ich noch ganz viele Fragen an Euch hätte. Da haben wir noch Stoff für’s nächste Mal! 

Auf alle Fälle drücke ich Euch die Daumen für die Meisterschaft am Freitag und Samstag! Wir sehen uns dann ja…

-Ende des Interviews-

Aktuelle Informationen zur Deutschen Meisterschaft 2017 finden Sie im Artikel Deutsche Meisterschaft Eiskunstlauf 2017 am 16.-17.12.2016

Mehr solcher Interviews finden Sie in unseren Salango-Specials. Mehr Eiskunstlauf Nachrichten bei uns finden Sie immer unter dem Stichwort vorn. Eine Übersicht über die wichtigsten Eiskunstlauf Wettbewerbe und Meisterschaften aus hiesiger Sicht finden Sie auf dieser extra von uns eingerichteten Seite.

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